Völkermord an den Armeniern
Im August 1914 begann der erste Weltkrieg. Der deutsch-österreichische Block, dem auch die Türkei angehörte, begann einen Krieg gegen die Staaten der Entente (England, Frankreich, Russland). Die türkischen Machthaber nutzten den begonnenen Krieg, um den schon lange vor dem Weltkrieg gefassten Plan zu verwirklichen und die armenische Bevölkerung Westarmeniens zu vernichten. Die zahlreiche Archivdokumente bezeugen unwiderleglich das Vorhandensein solcher ausgearbeiteten Plane. Ende 1914 sagte einer der Hauptverantwortlichen des Völkermordes an den Armeniern, der Bildungsminister Dr. Nazim in einer Geheimsitzung der Partei „Einheit und Fortschritt“, in der der Völkermord endgültig beschlossen wurd:.,,Es ist notwendig, das armenische Volk vollständig auszurotten, so dass kein einziger Armenier auf unserer Erde übrigbleibt und der Begriff Armenien ausgelöscht wird. Wir befinden uns jetzt im Krieg. Es gibt keine günstigere Gelegenheit als diese. Die Intervention der Großmächte und die Proteste der Presse werden keine Berücksichtigung finden. Und selbst wenn das der Fall sein sollte, wird die Angelegenheit bereits eine vollendete Tatsache sein, und zwar für immer. Diesmal müssen unsere Aktionen den Charakter einer vollständigen Vernichtung der Armenier tragen. Es ist notwendig, alle bis auf den letzten Mann zu vernichten…“.
In der Nacht zu 24. April 1915 fanden in Konstantinopel die Verhaftungen der über 600 armenischen intellektuellen statt. Es wurde die Auslese der Westarmenier, darunter armenische Abgeordneten des türkischen Parlaments, Schriftsteller, Ärzte, Anwälte, Lehrer, Geistlichkeit festgenommen und später nach Anatolien gebracht. Ein Teil von ihnen wurde schon unterwegs ermordet, der Rest am Bestimmungsort. Seither wird 24. April von den Armeniern in der ganzen Welt als Gedenktag an die Opfer des Genozids begangen.
In den Jahren 1915/16 wurde fast die gesamte armenische Bevölkerung Westarmeniens massenweise vernichtet. Die Gräuel waren beispiellos. Die Taten der türkischen Verfolger zeichneten sich durch eine beispiellose Grausamkeit aus. Erhalten geblieben sind zahlreiche Augenzeugenberichte über diese Ereignisse, die die unglaublichen Leiden der armenischen Bevölkerung beschrieben. Die Zahl der Opfer betrug ca. 1,5 Millionen. Etwa 800 000 Armenier wurden zu Flüchtlingen. Sie wurden über viele Länder der Welt verstreut und füllten die schon bestehenden armenischen Gemeinden im Ausland oder gründeten neue Gemeinden in der Fremde. Die materielle und geistige Kultur der Armenier trug einen nicht wieder gutzumachenden Schaden. Die Intellektuelle Kraft der Nation war teilweise für immer verloren.
An einigen Orten leisteten die Armenier den Türken einen hartnäckigen Widerstand. Die Türken stießen auf einen aktiven Widerstand der zahlenmäßig stark unterlegenen armenischen Bevölkerung von Van, Sasun, Mush, Shapin-Garahisar. Vierzig Tage dauerte der heldenhafte Kampf der Armenier auf dem Berg „Musa Dagh“, der Franz Werfel mit Hilfe von Dokumenten und Augenzeugenberichten in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ beschrieben hat.
Der Genozid an den Armeniern von 1915/16 war bei weitem nicht zufällig oder unerwartet. Er ergab sich logisch aus der grausamen nationalistischen und von Pogromen und Massakern geprägten Politik der türkischen Sultane der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte und nun auch der jungtürkischen Regierung, die gegenüber den nichttürkischen Völkern des Reiches betrieben wurde. Dies war keine Politik von einzelnen Personen, sondern die offizielle Staatspolitik. Diese Politik bezweckte die Schaffung eines rein türkischen Staates. Man ging dabei von der Annahme aus, dass die türkische Ethnie allen anderen überlegen sei. Das war und ist im Grunde ein rassistischer Ansatz. Es sollte ein „Großturanisches bzw. Pantürkisches Reich“ unter der Führung der Türkei entstehen. Dieses Großturan sollte ein riesiges Gebiet von der europäischen Küste Kleinasien bis zu den Grenzen Westsibiriens und Chinas umfassen.
Die einzige Macht, die dieses Verbrechen der osmanischen Herrscher hätte verhindern können, war der Verbündete der Türkei, das Deutsche Kaiserreich. Aber Deutschland machte keinen Finger krumm, um den jungtürkischen Mördern in den Arm zu fallen. Einer der Hauptziele des Deutschen Reiches war es, die Türkei zu einer Stütze für sich zu machen und sich mit deren Hilfe im Nahen Osten zu behaupten und seinen Rivalen England und Frankreich aus dieser Region hinauszudrängen. Andrerseits wollte Deutschland die Türkei gegen Russland, seinen anderen Rivalen, ausspielen. Deshalb unterstützte das Deutsche Reich während des Kriegs ständig die Türkei, um seine strategischen Hauptprogramme durchzusetzen.
Das vorrangige Ziel der deutschen Regierung war es, ihre strategischen Ziele zu erreichen und nicht den Völkermord an den Armeniern zu verhindern. Am 7. Juli 1915 schrieb der deutsche Botschafter Wangenheim an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg: „Der Umstand und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkische,, Reiche zu vernichten“. Die Antwort des Reichskanzlers ist grausam und unmenschlich: „Unser einziges Ziel ist die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht…“ . Deshalb ist es völlig berechtigt, über die Mitschuld des kaiserlichen Deutschlands bei dem Völkermord an den Armeniern zu sprechen.
Trotz der Kriegszensur und strenger Einschränkungen der Berichtserstattung wurde der Völkermord an den Armeniern in der Welt bekannt. Regierungen verschiedener Länder, bedeutende Staatsmänner und Politiker, bekannte Personen des öffentlichen Lebens, Geistliche, aber auch einfache Menschen erhoben ihre Stimme gegen die verbrecherischen Taten der jungtürkischen Führung und zum Schutz des armenischen Volkes. Der Armenier-Genozid beunruhigte sehr den Papst Benedikt XV. Er wandte sich am 10. September 1915 an den osmanischen Sultan Muhammad V. mit der Aufforderung das Gemetzel der Armenier nicht zuzulassen. Er verurteilte aufs Strengste die jungtürkischen Verbrecher an dem „unschuldigen Volk der Armenier“ .
Am 13. Mai 1915 wurde in London, Paris und Petrograd (Sankt Petersburg) gleichzeitig eine offizielle gemeinsame Erklärung der Regierungen von England, Frankreich und Russland über die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich und die persönliche Verantwortung der Mitglieder der türkischen Regierung veröffentlicht: Hier ein Zitat aus diesem wichtigen Dokument: „Im Einvernehmen mit den Vertretern der türkischen Regierung und oft mit ihrer Hilfe betreibt die türkische und kurdische Bevölkerung seit einem Monat einen Ausrottungsfeldzug gegen die Armenier. …In gleicher Weise verfolgt die türkische Regierung die in der Hauptstadt ansässigen Armenier, ohne dass diese ihnen dazu Anlass gegeben hätten. Angesichts dieses neuerlichen, von den Türken begangenen Verbrechens gegen die Menschlichkeit erklären die Entente-Mächte der Hoher Pforte öffentlich, dass sie die Mitglieder der Regierung sowie alle, die sich an diesen Massakern beteiligen, persönlich zur Verantwortung ziehen werden“ .
Bei dieser gemeinsamen Erklärung der Ententemächte handelte es sich um das erste im 20. Jahrhunderts verfasste offizielle Dokument, das eine andere Regierung und deren Mitglieder für ihre Vergehen und Verbrechen verantwortlich machte. Später, besonders nach den Nürnberger Prozessen, wurde solches Herangehen von dem internationalen Völkerrecht und der internationalen Staatengemeinschaft allgemein anerkannt.
Leider hat der Völkermord an den Armeniern sein Nürnberg nicht gehabt. Ganz umgekehrt. Der Völkermord an den Armeniern wurde mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Sodas Adolf Hitler am 22. August 1939, vor dem Überfall auf Polen vor den obersten Wehrmachtschefs auf dem Obersalzberg sich erlaubt hat, die Frage zu stellen: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier“.
Aber, Gott sei Dank, reden wir heute über die Vernichtung. Viele internationale Organisationen und Staaten haben den Genozid an den Armeniern als Völkermord gemäß UN-Konvention vom 9. Dezember 1948 offiziell anerkannt und verurteilt, darunter das Europäische Parlament, der Weltkirchenrat, Argentinien, Belgien, Frankreich, Griechenland, Kanada, Russland, Niederlande, Polen und andere. In der Resolution des Europäischen Parlaments vom 18. Juni 1987 heißt es: „Die tragischen Ereignisse, die sich 1915-1917 im Gebiet des Osmanischen Reiches abgespielt haben, sind in Übereinstimmung nut der Konvention der Vereinten Nationen „Über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords“ vom 9. Dezember 1948 ein Völkermord“. In dieser Resolution heißt es ferner: „Der Europarat soll Druck auf die jetzige türkische Regierung ausüben, damit diese den in den Jahren 1915-1917 an den Armeniern verübten Völkermord anerkenne“.
Im Jahr 2005 hat auch der Deutsche Bundestag durch einen Beschluss das Verbrechen verurteilt, aber leider vermissen wir in diesem Dokument den juristischen Begriff „Völkermord“ bzw. „Genozid“.
Offensichtlich war und ist der internationale bzw. europäische Druck nicht stark genug gewesen, da die offizielle Türkei auch nach 93 Jahren fortsetzt, den Völkermord an den Armeniern – diese unwiderlegbare historische Realität – zu leugnen und zu verharmlosen, um so der Verantwortung dafür zu entgehen. Aber wir sind zuversichtlich, dass am politischen Horizont der Türkei früher oder später ein türkischer Konrad Adenauer erscheinen wird, der nach St. Etschmiadzin, dem religiösen Zentrum aller Armenier reisen und die Armenier für den Völkermord um Entschuldigung bitten wird.